Rundfunkbeitrag Aktuelles 18.02.2013

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Die ARD hat Mitte letzter Woche eine Dokumentation über Leiharbeiter beim Versandhaus Amazon gesendet. Eigentlich ist genau das eine der Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Ohne Rücksicht auf Sponsoren und Werbekunden nehmen zu müssen, kann ein Thema aufgegriffen und behandelt werden. Es ist aber nun nicht so, dass die ARD hier als erste darauf hinweist, dass es beim System Amazon unschöne Seiten gibt. Presseberichte gab es vorher schon, gerade von Zeitungen, die eigentlich auf Werbekunden angewiesen sind. Dìese haben nur nicht so gezogen wie die Bewegtbilder der ARD. Kaum sind diese Bilder öffentlich, gerät Amazon scheinbar unter Zugzwang, kündigt den Sicherheitsdienst, verhandelt mit den Gewerkschaften u.a.

Mission erfüllt?

Eher nicht.
Die Reportage an sich fand ich handwerklich eher auf dem Niveau der Privatsender, alles auf Krimi getrimmt, teilweise sehr einseitig und widersprüchlich. So heißt es beispielsweise zu Anfang, die Leiharbeiter hätten in die Sammelunterkünfte ziehen müssen, später ist es aber scheinbar kein Problem, wenn einzelne Personen dort ausziehen und woanders unterkommen. Auch wird zwar möglicher Sozialbeitragsbetrug angedeutet, aber quasi gleich wieder in Abrede gestellt, es könnte ja eine passende Lücke geben. Hier musste ich mir die Frage stellen: Wenn der Gewerkschaftsvertreter Einzelfälle belegen kann, warum werden nicht die entsprechenden staatlichen Prüfstellen von ihm informiert? Jeder kleine Betrieb wird bei Unregelmäßigkeiten auseinandergenommen, bei Amazon traut sich aber keiner rein? Hier wären kritische Nachfragen der Reporter wirklich nicht fehl am Platz gewesen.

Insgesamt hätte es der Reportage bestimmt gut getan, mehr Zeit dafür im Programm vorzusehen, um die Sachverhalte wirklich klar darzustellen. Wer hier für was wirklich verantworlich ist, wird erst zu einem späten Zeitpunkt der Reportage teilweise auseinanderdividiert, da hat sich der Eindruck, dass Amazon das alles direkt veranlasst, schon festgesetzt. Das ist alles ingesamt eigentlich nicht wirklich seriös.

Viel schlimmer ist jedoch, was von dieser Reportage teilweise bei den Menschen hängen bleibt. Eine Kurzfassung lautet ungefähr so: „Da arbeiten Leute auf einer Stelle für Ungelernte für 8,52 EURO/Stunde, werden mit dem Bus zur Arbeit gebracht und geholt und bekommen ein Dach über den Kopf. Sie müssen sich zwar ein Zimmer mit jemanden teilen, aber sechs Personen auf 80m² ist doch schon fast luxuriös. Bis auf die Sache mit dem Sicherheitsdient, worüber regen sich die Reporter denn auf?”

Sollte man vielleicht so denken, wenn man diese Reportage gesehen hat? Dient das ganze vielleicht nur der Justierung des eigenen Wertesystems, damit man akzeptiert, was in diesem Land vorgeht und was die Politik ermöglicht? Vielleicht ist das ganze auch einfach eine ganz freche PR Aktion? Spätabends, wenn weniger Leute zuschauen, reicht es für den medienwirksamen Shitstorm. In die Mediathek schauen zwar dann auch Leute rein, aber das ist Aufwand, das lässt es sich vorgekaut in den Zeitungsartikeln und Blogs viel besser konsumieren. Wenn Amazon dann einlenkt, ist die Firma wieder der Gute und in drei Wochen ist die nächste Sau im Dorf unterwegs und die Kasse klingelt wieder. Klingt das zu abgehoben? Dann mal bei Von Nullen und Einsen nachlesen.

So ist es, wenn der Verbraucher zwar von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennt. Wenn er das Gefühl hat, er wird sowieso über den Tisch gezogen, kann es auch das billigste sein.

Bei den Nachdenkseiten ist heute ein Artikel zum Themenkomplex erschienen. Dort werden auch die wirklichen Verfehlungen von Amazon aufgeführt. Allerdings ist der Satz „Es gibt schließlich kein ökonomisches oder moralisches Gesetz, das besagt, dass man jede Gesetzeslücke ausnutzen muss.” an der Realität vorbei. Ein solches ökonomisches Gesetz gibt es, sogar in mehrfacher Ausfertigung: Entweder macht der Aktionär Druck, weil die Rendite nicht stimmt oder der Großteil der Kunden. Wenn der Verbraucher sich von Amazon abwendet und zum nächsten Anbieter geht, ziehen diese Methoden dort ein. Man braucht sich z.B. nur in manchen der alternativen Lebensmittelketten umzusehen. Kaum erlangen diese größere Bedeutung, räumen dort die gleichen Trupps die Regale ein, die es auch für die anderen tun. Billig und auf Leiharbeitsbasis. Das Image ist dennoch gut.

Diese Reportage sollte wohl auch das Image der ARD als Macher und Aufklärer aufpolieren. Wenn man aber die Kommentare bei Zeitungsartikeln zu dem Thema liest, finden sich sehr oft Querverweise der Art: Bei Amazon muss ich mein Geld nicht ausgeben, bei der ARD schon. Wenn die ARD einerseits über niedrige Löhne klagt, fällt es schwer zu verstehen, warum sie gerade von Betrieben Geld einsammeln will, das dann nicht mehr an die Mitarbeiter verteilt werden kann. Das Legitimationsproblem der öffentlich-rechtlichen Sender wird immer größer.

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